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Feuilleton · Möller
Juni 2026
Redaktion
F. R. Granaria · Polen Magazin · Feuilleton Wiederlesen · ca. 1.700 Wörter · Lesezeit 9 Min
Feuilleton · Wiederlesen · 17 Jahre danach

Was Möller wusste,
bevor wir es lernen mussten

Siebzehn Jahre nach Erscheinen ist „Viva Polonia" das beste deutsche Buch über Polen — und nebenbei das beste deutsche Buch über uns. Steffen Möller, Wuppertaler im freiwilligen Exil, hat eine kleine Kulturgeschichte geschrieben, die wir heute dringender brauchen als 2008. Ein Wiederlesen mit einer leisen Mahnung.

Es gibt diese Menschen, die mit fünfundzwanzig nach Warschau gehen und mit fünfzig immer noch dort sind. Sie nennen das nicht Karriereverlauf, sondern Lebenswendung — und sie meinen es so. Steffen Möller ist so einer. Geboren in Wuppertal, dem westdeutschen Inbegriff aller Begriffe, die keiner mehr kennt, ausgewandert 1994 in eine Gegend, die in deutschen Köpfen damals etwa so präzise verortet war wie Lemberg in Adenauers Briefkasten. Er ist nicht zurückgekommen. Er ist Schauspieler geworden, Kabarettist, Sprachlehrer, Bestsellerautor, Stammgast im polnischen Fernsehen und vermutlich der bekannteste lebende Deutsche zwischen Stettin und Lublin. 2008 schrieb er ein Buch über das, was er da seit vierzehn Jahren beobachtete. Es stand vierzig Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste — also etwa so lange, wie ein deutscher Bahnhof braucht, bis er fertig ist.

„Viva Polonia. Als deutscher Gastarbeiter in Polen" hieß das Buch, und wer den Untertitel beim ersten Lesen für Koketterie hielt, hatte schon nicht zugehört. Möller meinte das ernst. Er war als deutscher Gastarbeiter nach Polen gegangen — Sprachkursleiter, Aushilfe, Statist —, und er hat dort die Karriere gemacht, die er in Deutschland nicht einmal angefangen hätte. Polen, das damals jede Woche ein neues Vertrauen suchte und keines fand, sah in ihm den freundlichen Westdeutschen, der nicht herumdoziert. Deutschland, das zur gleichen Zeit anfing, sich seiner östlichen Nachbarschaft zu schämen wie ein Pensionär seines Vornamens, sah in ihm den Übersetzer, der den Skandal nimmt. Dass Möller weder das eine noch das andere sein wollte, sondern einfach nur ein Beobachter mit Heimatbescheid in zwei Sprachen, machte ihn zur idealen Brücke. Brücken werden in Polen aus naheliegenden Gründen häufiger gebaut als in Deutschland.

Möllers Methode ist anekdotisch. Er schreibt kurze Kapitel, gibt jedem eine Pointe, und er hütet sich davor, sie zu zerlegen. Wer die deutsch-polnische Soziologieliteratur kennt — und nur Soziologen kennen sie wirklich —, weiß, was er nicht macht: keine Hofstede-Schemata, keine Polen-Indizes, keine politologischen Lagebilder. Stattdessen Aberglaube, Schneestürme, Hochzeitsbräuche, Wodka-Ungleichungen, polnische Hupkonventionen an der Kreuzung. Es ist Soziologie ohne den anstrengenden Teil — also Soziologie, wie sie funktioniert.

Der polnische Schneesturm

Die berühmteste Stelle des Buches ist der polnische Schneesturm. Möller beschreibt, wie der Warschauer Verkehr in einem dieser Februar-Tage zusammenbricht — und wie absolut niemand hupt. Keiner schimpft. Keiner ruft die Behörden an. Keiner schreibt einen Leserbrief, um die Schuldfrage zu klären. Die Leute steigen aus, klopfen an die Scheibe des nächsten Wagens, reden über das Wetter und die Familie und am Ende des Gesprächs auch noch über den letzten Wahlsieg von Lech Wałęsa, an den sie sich beide nicht erinnern, aber gern sprechen, weil es das Eis bricht. Möller schreibt das nicht herzig. Er schreibt es als Diagnose: Wer dauernd Krisen erlebt hat, hat ein anderes Verhältnis zu Krisen. Wer einmal die Solidarność in der Werft hatte, weint nicht im Audi an der Schnellstraße. Das war 2008 eine charmante Beobachtung. 2026 ist es Programmpunkt.

Denn natürlich liest sich „Viva Polonia" heute anders. Nicht weil das Buch sich verändert hätte, sondern weil wir uns verändert haben. Das Deutschland, in dem Möller schreibt, war noch nicht das Deutschland, das auf einer dreistündigen Bahnverspätung einen seelischen Notstand ausruft. Es war noch nicht das Land, in dem es als Tugend gilt, sich angesichts einer Stromrechnung von der Welt zurückzuziehen. Und es hatte noch ein bisschen Toleranz für die Tatsache, dass andere Länder andere Lösungen haben — und nicht das ganze deutsche Erlöserprogramm benötigen. Wer 2008 „Viva Polonia" las, las einen klugen Insider mit Berliner Schnauze. Wer es 2026 liest, liest eine sanfte Erinnerung daran, dass nicht jede europäische Mentalität nach dem deutschen Vorbild zugerichtet werden muss.

Wer in Warschau im Schneesturm eine Stunde steht, schimpft nicht. Er hat den Tag bereits anders geplant.

Aberglaube — und der Bundestag

Möllers Lieblingsthema ist der polnische Aberglaube. Er erklärt, dass man in Polen nie einer Frau am Tisch die Hand reichen darf, sondern um den Tisch herumgehen muss. Dass die Faust mit dem Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger das gleiche bedeutet wie der Pfälzer Stinkefinger, nur freundlicher. Dass man bei einem Treffen auf der Treppe nichts Wichtiges besprechen soll. Dass eine schwarze Katze ein Pkw-Versicherungsfall ist. Das alles wird in Polen mit einer Selbstverständlichkeit getan, die in Deutschland längst durch Achtsamkeitskurse ersetzt wäre.

Der Witz, den Möller daraus zieht, ist nicht der westdeutsche Witz über östliche Hinterwäldlerei. Es ist der polnische Witz, der ihm zu Recht zufällt: Eine Nation, die mit ihrem Aberglauben so souverän umgeht, dass er nie zu einer Ideologie wird, ist den Deutschen in einem wesentlichen Punkt voraus. Wir haben unseren Aberglauben in den Bundestag verlegt und nennen ihn Konsens. Der polnische Bauer in Lublin glaubt, dass es Pech bringt, eine Hochzeit im Mai zu feiern. Der deutsche Habilitierte glaubt, dass die Welt durch unsere Heizungsverordnung gerettet wird. Wer von beiden ist näher an der Realität? Möller stellt die Frage nicht so. Aber er stellt sie. Auf Seite 162.

Eine Nation, die mit ihrem Aberglauben so souverän umgeht, dass er nie zur Ideologie wird, ist den Deutschen in einem wesentlichen Punkt voraus.

Die polnische Hochzeit als Wirtschaftsuniversität

Das andere große Thema des Buches sind die Hochzeitsbräuche, und hier wird Möller fast unwillkürlich politisch. Eine polnische Hochzeit, schreibt er, ist die einzige bekannte Veranstaltung, die so lange dauert, wie sie kostet — und die nie zur ökonomischen Frage wird. Drei Tage, hundertfünfzig Gäste, vier Bands, Geldgeschenke in Umschlägen, am Sonntagmorgen Frühstück um halb sieben mit Bigos und Wodka. Möller hat verstanden, was Wirtschaftshistoriker erst zehn Jahre später aufschrieben: Wer so heiratet, hat eine andere Beziehung zum Sparen. Polen sparen, aber nicht für die Versicherung. Sie sparen für Anlässe. Das verändert das ganze Verhältnis zur Zukunft.

Es macht eine Familie zur Investitionsklasse und einen Sonntagmorgen zu einem Geschäftsmodell. Wer das einmal mitbekommen hat, betrachtet die deutsche Beerdigung mit Hörnchenkaffee als das, was sie ist: ein im internationalen Vergleich unterfinanziertes Ereignis. Es ist kein Zufall, dass die polnischen Sparquoten seit Jahrzehnten stabil über dem EU-Schnitt liegen, während Deutschland sich gegenseitig versichert, es habe keine Zeit zum Sparen. Wir sparen das Sparen.

Was Möller verschwiegen hat

Verschwiegen — der Begriff ist verkehrt. Möller hat nichts verschwiegen, er hat einiges nur nicht ausgewalzt. Etwa, dass Polen 1994, als er ankam, gerade Schritt für Schritt aus der Lehmkurve einer staatssozialistischen Tristesse in die Lehmkurve eines wilden Frühkapitalismus glitt. Dass er gewählt hat, in einer Stadt zu leben, in der noch ein Vierteljahrhundert vorher der Geheimdienst Bürger anrief, wenn ihnen das Sonntagsgespräch zu laut wurde. Dass die polnische Gastfreundschaft eine Geschichte hat — und dass die Selbstverständlichkeit, mit der ein polnischer Großvater einen wildfremden Westdeutschen am ersten Abend mit Wodka-Tablett begrüßt, etwas zu tun hat mit den vier Generationen, denen man genau diese Geste nicht erlaubt hatte.

„Viva Polonia" ist kein Geschichtsbuch. Aber es weiß, was es nicht ist. Es weiß, wem es seine Pointen verdankt. Das unterscheidet Möller von den jüngeren Polen-Erklärbüchern, die ihre Gegenstände behandeln wie eine Kuriositätenkammer. Möller behandelt Polen wie eine Wahlfamilie — und gerade deshalb darf er auch grinsen.

Möller heute, oder: der freundlichste Renegat

Möller hat das Buch 2018 noch einmal überarbeitet, bei Piper, mit einem Vorwort, das man im Verlag „politisch gefärbt" nannte und das in Wirklichkeit ein Augenrollen über das damalige PiS-Polen war. Das ist hübsch und ehrlich und nicht das Beste am Buch. Das Beste am Buch ist, dass Möller, der inzwischen seit über drei Jahrzehnten in Polen lebt, sich weder zum Pole noch zum Deutschland-Korrespondenten gemacht hat. Er ist ein freundlicher Renegat geblieben. Er gehört dorthin, wo es interessant ist, und beobachtet die Heimat, die er als Wahl-Heimat anerkennt, ohne sie zu verklären.

Dass eine polnische Pflanzensorte heute „Viva Polonia" heißt — eine Clematis mit magentaroter Blüte und weißem Stern in der Mitte, die Farben der Flagge — ist die einzige Form des Denkmals, die er verdient: eine Pflanze, die robust ist und übermäßig stolz blüht. Sie braucht wenig Boden, sie braucht keinen Gärtner mit Diplom, und sie verträgt Schneefall, ohne dass jemand hupt.

Was wir vergessen haben

Wer „Viva Polonia" heute aufschlägt, lacht zuerst über die kleinen Beobachtungen — und merkt nach zwanzig Seiten, dass die kleinen Beobachtungen über uns selbst gehen. Möller schreibt 2008 über ein Polen, das sich nicht so wichtig nimmt wie wir uns selbst, das Krisen routinierter wegsteckt als unsere Talkshows, und das einen Aberglauben pflegt, der weniger ideologisch ist als das, was bei uns im Kanzleramt als Welterklärung umgeht. Das ist die heimliche Pointe des Buches: Es ist von einem deutschen Gastarbeiter über Polen, aber es ist auch — und das wird man erst im siebzehnten Jahr nach der Veröffentlichung deutlich — eine sehr deutsche Mahnung.

An ein Land, das vergessen hat, dass Gelassenheit kein Privileg der Sieger ist, sondern manchmal genau das Gegenteil: das Wissen jener, die schon mehr verloren haben, als wir uns bisher leisten konnten. Möller weiß das, weil er hingezogen ist. Wir wissen es nicht, weil wir geblieben sind.

Steffen Möller wusste das. Lange, bevor wir es lernen mussten.

F. R. Granaria — Redaktion Polen Magazin · Feuilleton · Wiederlesen · Juni 2026
Lektüre & Belege
Steffen Möller:Viva Polonia. Als deutscher Gastarbeiter in Polen." Piper, München. Erstausgabe Hardcover März 2008. Aktualisierte Taschenbuchausgabe Juli 2018, 379 Seiten, ISBN 978-3-492-30673-3. Polnische Originalfassung:Polska da się lubić" (Polen ist leicht zu mögen), Oktober 2006. Auflage rund 110.000 verkaufte Exemplare. Inzwischen vergriffen. Hörbuchausgabe: Gekürzte Autorenlesung, Argon Verlag, 4 CDs / rund 5 Stunden. Mit Bonus-Sprachkurs Polnisch. ISBN 978-3-86610-766-8. Bestsellerstatus: Über 40 Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste 2008/09. Autor: Steffen Möller, geboren 1969 in Wuppertal, seit 1994 in Polen ansässig. Lehrer, Schauspieler, Comedian, langjähriger Gast in der polnischen TV-Show „Europa da się lubić" (TVP). Vorlage: „Viva Polonia": Ein Blick auf die polnische Seele (granaria.ac, 4. September 2025) — Anlass dieses Wiederlesens. Die hier vorliegende Fassung ist kein Auszug, sondern ein neu geschriebenes Feuilleton. Pflanze: Clematis „Viva Polonia", magentarote Blüte mit weißem Stern, Züchtung Szczepan Marczyński, Pruszków 2008. Granaria-Redaktion: Wiederlesen Juni 2026 nach Anlass & Erinnerung. Keine generative Recherche; Buch im Regal, Bahn unzuverlässig, Wodka kalt.
Weiter im Heft — Reportagen aus Warschau, Danzig und Wrocław, Feuilleton zur polnischen Küste, Dashboard mit Live-EUR/PLN.
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